Allgemeines zu Skorpiontoxinen
Das Gift des Heterometrus laoticus
Der Heterometrus laoticus zählt zu den mindergiftigen Skorpionen.
Der Stich ist zwar sehr schmerzhaft, aber sonst nicht gefährlich für den Menschen. Vorsicht ist hier nur geboten, bei Menschen die auch gegen Bienen und Wespen allergisch reagieren. Hier könnte
ein solcher Stich tödlich enden wie es bei Allergikern auch bei der Biene der Fall wäre.
Die beschriebenen Symptome in den Giftberichten sind querschnittlich erfasst. Spezielle Reaktionen eines allergischen Individuums können nicht berücksichtigt werden. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Symptome von Organismus zu Organismus unterschiedlich sein können. Mindergiftig bedeutet nicht harmlos, für den gesunden Menschen eher ungefährlich bedeutet ebenfalls nicht harmlos. Allergische Reaktionen können durch Stichunfälle jeder Gattung zum Tode führen.
Allgemeines zu Skorpionen und deren Giftigkeit
Man unterscheidet neun verschiedene Skorpionsfamilien mit zirka
1 500 Arten, davon neun in Europa. In Deutschland kommen keine Skorpione vor, aber schon in Österreich, der Schweiz und Italien kann man die harmlose Gattung Euscorpius finden.
Das öfter genannte Vorurteil, große Skorpione seien ungefährlich, trifft nicht zu; viele der unten genannten gefährlichen Skorpione haben Größen um 10 cm und sind so nicht als klein zu
bezeichnen. Allerdings ist der besonders gut bekannte und mit bis zu 30 cm besonders große Kaiserskorpion Pandinus imperator ungefährlich und verursacht nur bienenstichartige Beschwerden, ebenso
aber auch die weniger als 5 cm
messenden europäischen Euscorpius-Arten.
Als grobe Unterscheidungsmöglichkeit von ungefährlichen zu möglicherweise gefährlichen Skorpionen kann das „Schwanz-Scheren-Verhältnis“ herangezogen werden. Sind die beiden Greifzangen
(„Scheren“) des Skorpions jeweils breiter („kräftiger“) als der mit dem Giftstachel versehene Schwanz, so kann man davon ausgehen, daß die Art am Menschen keine bedeutsamen Symptome hervorrufen
kann. Ist der Schwanz jedoch genauso kräftig oder die Scheren sogar schmaler als jener, so handelt es sich möglicherweise um ein giftiges Exemplar. Man kann sich als Eselsbrücke zu dieser
Faustregel
merken: Wer starke Scheren besitzt, ist auf das Gift nicht angewiesen.
Die medizinisch gefährlichen Skorpione.
Skorpione gehören fast ausschließlich der Familie Buthidae an, wobei auch innerhalb dieser Gruppe nur etwa 15 Gattungen von medizinisch epidemiologischer Bedeutung zu sein scheinen. Andererseits verursachen Skorpionstiche nach den Schlangenbissen und Bienen- und Wespenstichen weltweit gesehen die meisten Erkrankungsfälle durch Tiergifte. Allein in Mexiko starben innerhalb von zwölf Jahren 20 352 Menschen durch Skorpionstiche. Am meisten gefährdet sind Kleinkinder und durch Alter oder Krankheit geschwächte Personen.
Allgemein läßt sich zur Vergiftungssymptomatik sagen, daß nach jedem
Skorpionstich lokal am Verletzungsort mehr oder weniger starke Schmerzen zu erwarten sind. Die Lokalsymptomatik beginnt gewöhnlich direkt nach dem Stich und erreicht oft schon nach fünf
Minuten das Schmerzmaximum. Die Schmerzintensität ist bei ungefährlichen Arten einem Wespenstich vergleichbar, erreicht aber bei den gefährlichen Arten starke bis stärkste Intensität und
kann auch über Tage anhalten. Bei nur wenigen bisher bekannten Skorpionen werden durch das Gift schwere, ja lebensbedrohliche Allgemeinsymptome verursacht, die meist schon innerhalb einer bis
weniger Stunden die volle Vergiftungssymptomatik zeigen. Systemische Wirkungen nach dem Stich stark giftiger Skorpiongattungen betreffen immer das Herz- Kreislauf-System, den
Gastrointestinaltrakt und bei manchen Gattungen zusätzlich das zentrale, periphere oder vegetative Nervensystem, die Atmungsorgane und selten auch das Blutsystem und die Haut. Im Folgenden wird
die Symptomatik nach Skorpionstichen vorgevorgestellt, wobei die Skorpione mit ähnlicher Stichsymptomatik zusammen abgehandelt werden. Die verwendeten Bezeichnungen der Skorpione sind der
derzeit gängigen Taxonomie nach Schmidt entnommen.
Stufenmodell medizinischer Behandlung mit Gattungszuweisung
1.) Stiche mit geringer Lokalsymptomatik ohne systemische Giftwirkung:
Bei Stichen von mindergiftigen Skorpionen, z.B. Euscorpius spec. und Pandinus spec., wird der Schmerz und die weitere auftretende Lokalsymptomatik in der Stärke einen Bienen- oder Wespenstich
nicht übertreffen. Man kann in diesen Fällen davon ausgehen, dass keine weiteren Einwirkungen auf den Organismus mehr passieren werden. Eine Lebensgefahr ist auch mit allergischen Reaktionen eher
unwahrscheinlich. Diese treten nur in seltensten Fällen auf. Haltern wird eine Tetanusimpfung (Wundstarrkrampf) empfohlen. Zur Behandlung gehört neben verbaler Beruhigung, eine Wunddesinfektion
mit Alkohol. Eine weitere ärztliche Überwachung ist nicht notwendig.
Skorpiongattungen, deren Stich nur leichte kurz anhaltende Schmerzen hervorrufen:
- Diplocentrus spec.: südwestliche USA, Mittelamerika, Westinische Inseln
- Euscorpius spec.: Südeuropa, südliches Mitteleuropa, Marokko, Vorderasien
- Hadogenes spec.: südliches Afrika, Madagaskar
- Heterometrus spec.: Südasien
- Opisthacantus spec.: Afrika, Florida, Mittel- und Südamerika, Westinische Inseln
- Opistophthalmus spec.: südliches Afrika
- Pandinus spec.: Afrika, Mittlerer Osten
- Scorpio spec.: Nord- und Westafrika, Mittlerer Osten
2.) Stiche mit starker Lokalsymptomatik ohne systemische Giftwirkung:
Gefährlicher sind Stiche von Skorpionen deren Stich stark schmerzend sowie länger anhaltende und stärkere Lokalreaktionen verursacht. Mit systematischen Symptomen durch das Gift ist bei dieser
Gruppe, zu welcher z.B. Hadrurus arizonensis oder der europäische Buthus occitanus gehören, nicht zu rechnen, jedoch treten Übelkeit, Schwindel, Hyperventilation bis hin zum
Kreislaufkollaps auf. Grund für diese Symptome sind Angstreaktionen sowie Reaktionsreize auf die starken Schmerzen. Neben der allgemeinen notärztlichen Behandlung wird eine Schmerztherapie
eingeleitet sowie eine Überwachung im Krankenhaus empfohlen.
Skorpiongattungen, deren Stich heftige, meist lang andauernde Schmerzen hervorrufen:
- Buthus occitanus: Südeuropa
- Compsobuthus spp.: Nordafrika, Vorderasien bis Indien
- Hadrurus spec.: Südwesten der USA, Mexiko
- Lychas spec.: Süd- und Ostafrika
- Mesobuthus gibbosus: Östliches Südeuropa, Türkei
- Ortochirus spec.: Nordafrika, Vorderasien bis Indien und Chin
- Urodacus spec.: Australien
- Uroplectus spec.: Zentral- und Ostafrika, Ostindien
- Vaejovis spec.: Westen Nordamerikas, Mittel- und nördliches Südamerika
3.) Stiche mit starken Schmerzen und kardiovaskulärer Symptomatik:
Die nächst gefährliche Gruppe von Skorpionen löst nach einem Stich einen starken Lokalschmerz sowie eine Stimulation der cholinerge Rezeptoren aus. Zu späterem Zeitpunkt werden durch
Katecholaminfreisetzung adrenerge Rezeptoren stimuliert. Die systemische Giftwirkung findet zunächst in einer Form einer Tachykardie, Hypertonie und Extrasystolen statt. In schweren Fällen reicht
das Spektrum von Hypotonie bis Schock durch Erschöpfung der Katecholaminspeicher. Bradykardie, AV – Blockierungen sowie selten anfängliche Hypotonie sind durch cholinerge Giftwirkungen
verursacht. Als vegetative, cholinerg verursachte Anfangssymptomatik finden sich oft Bronchial-, Nasen-, Speichel- und Tränenfluss sowie gastrointestinale Symptome wie Übelkeit mit Erbrechen. In
Extremfällen kann es zu Hyperthermie bis über 41°C kommen. Aufgrund der möglichen schweren Symptomatik muss nach einem Stich aus dieser Gruppe unbedingt ein Arzt aufgesucht werden. Eine klinische
Überwachung über einige Stunden ist unerlässlich. Die kardiologischen Auswirkungen sind gut behandelbar. Eine Gabe von Antiseren und deren Wirksamkeit ist umstritten.
Skorpione, deren Stiche starke Schmerzen und kardiovaskuläre Symptomatik hervorrufen können sind:
- Babycurus spec.: Ost- und Mittelafrika
- Bothriurus spec.: Südamerika
- Buthus tunetanus: Nordafrika, Vorderasien
4.) Stiche mit kardialer und zentralnervöser Symptomatik:
Die Gruppe 4 beinhaltet Skorpionarten, welche durch einen Stich große Mengen an Katochelamin freisetzen. Dadurch führen sie lebengefährliche Herz – Kreislauf – Beschwerden herbei. Zusätzlich
stimulieren sie das Zentralnervensystem und lösen somit Erregung, Verwirrtheit und Krampfanfälle aus. Die Merkmale eines Stiches der Gattung Centruroides sind extrapyramidale Symptome mit
oropharyngealen Dyskinesien und unkontrollierten Extremitätenbewegungen. Zusätzliche peripher neuromuskulär wirkende Toxinanteile können zu Muskelzuckungen, Muskelkrämpfen, Lähmungen und höllisch
qualvollen Schmerzen führen. Im Endstudium kann es zu Herzinfarktsymptomen und zu einem kardial und selten auch toxisch verursachten Lungenödem kommen. Symptome der cholinergen und
gastrointestinalen Bereiche entsprechen der Gruppe 3. Schon bei lediglich nur in Verdacht kommendem Stich eines Skorpions aus dieser Gruppe ist sofort ein Arzt auf zu suchen. Eine Überwachung ist
lebensnotwendig. Garant hierfür ist eine schnellstmögliche Behandlung in den ersten Stunden. Sollte es zu keinen schweren Symptomen in dieser Zeit kommen, wird es in der Folge keine
Verschlimmerung des Zustandes des Patienten geben. Wirksame Antiseren für Stiche von Centruroides spp.. und Tityus spp.. egalisieren die neurologische Symptomatik.
Skorpiongattungen, deren Stiche extrem starke Schmerzen, Herz – Kreislauf – Symptome und teils auch ZNS – Symptome hervorrufen können:
- Androctonus spec. : Nordafrika, Vorderasien
- Buthacus spec.: Vorderasien
- Hottentotta spec.: Afrika, Asien
- Centruroides spec.: USA (Südstaaten), Mittelamerika
- Hemiscorpius lepturus: Iran, Irak
- Leiurus quinquestriatus: Nordafrika, Vorderasien
- Mesobuthus spec.: Indien, Östlicher Mittelmeerraum
- Nebo hierichonticus: Vorderasien
- Parabuthus spec.: Südafrika, Ostafrika, Vorderasien
- Tityus spec.: Mittelamerika, Südamerika, Karibik
Hier finden Sie die Tabellenübersicht!!!
Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1999; 96: A-1710-1715 [Heft 25]
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Anschrift für die Verfasser
Dr. med. Johann J. Kleber
Toxikologische Abteilung der II. Medizinischen Klinik der Technischen Universität München
Klinikum Rechts der Isar
Ismaninger Straße 22
81664 München
Quelle: www.aerzteblatt.de/v4/archiv/pdf.asp?id=17926
Hier findet Ihr eine Übersicht zu verschiedenen Skorpionarten und deren Giftzusammensetzung: