Giftnotrufzentrale München

Skorpione, deren Stich lebensbedrohlich werden könnte, gibt es in Mitteleuropa nicht. Da aber immer mehr Gifttiere und darunter auch Skorpione in Terrarien privat gehalten werden und viele Urlauber oder deren beratende Ärzte sich über Gifttierbisse im Ausland informieren wollen, erreichen den Giftnotruf München in den letzten Jahren zunehmend Anfragen zum therapeutischen Vorgehen nach Skorpionstichen. Besonders in bezug auf den praktischen Sinn von Antisera bestehen meist falsche Vorstellungen. Unter den deutschen Giftnotrufen hat sich insbesondere die Münchener Giftnotrufzentrale seit Jahren intensiver mit Vergiftungen durch Tiere beschäftigt und auch eine Datenbank zum schnellen Auffinden von Antisera im Mitteleuropäischen Raum aufgebaut. So soll dieser Übersichtsartikel zur allgemeinen Information über die Symptomatik und die Therapie von Skorpionstichen dienen. Eine Datenbank zu Vergiftungen durch  Tiere wird vom Giftnotruf München derzeit aufgebaut und im Internet unter der Adresse www.toxinfo.org allgemein zur Verfügung gestellt.

© www.toxinfo.org/

Antiseraprogramm


Ende der 80er Jahre, nachdem der Stuttgarter Zoo „Wilhelma“ die Giftschlangenseraliste nicht mehr publiziert hat, wurde ein Computerprogramm für Antiseravorratsstellen bei Gifttierverletzungen (Schlangen, Skorpione, Spinnen, Fische) erstellt. Dieses Programm ist 1994 neu gestaltet worden. Nach Eingabe der lateinischen Bezeichnung des Gifttiers ist es möglich, rund um die Uhr Vorratsstellen (Adressen), Zahl der bevorrateten Ampullen und Verfallsdatum des Antiserums abzufragen. Die Datenbank wird kontinuierlich aktualisiert und beinhaltet sowohl die Adressen aller deutschen Notfall-Vorratsstellen, als auch uns zusätzlich gemeldete Depots aus anderen europäischen und außereuropäischen Ländern (insgesamt 160 Einrichtungen). Der Datenbestand umfaßt derzeit 75 unterschiedliche Antiseren bei 189 verschiedenen Tierarten.

 

Toxikologische Datenbank TOXINFO


Herr Martin Ganzert entwickelte 1994, zusammen mit Herrn Dr. Kleber, ein Giftinformationssystem, das alle beratungsrelevanten Sachverhalte dem Beratungsarzt spezifisch integriert zur Verfügung stellt. Das Schnittstellenmodul von TOXINFO kann unterschiedliche Datenquellen importieren.

 

Die Datenbank enthält zur Zeit:
• 1108 ausgearbeitete Stoffkarten über Arzneimittel,

     Pflanzenschutzmittel, Chemikalien, Gifttiere, Giftpflanzen und Pilze
• Medikamente und Adressen der Roten Liste (Version 2000)
• Verbraucherprodukte und Adressen des BGVV
• Stoffkarten des BGVV
• 395 eigene Kasuistikfälle
• Adressenliste von Pilzberatern.

Die Toxikologische Abteilung der II. Med. Klinik der Technischen Universität München besteht aus


• der toxikologischen Station mit 23 Betten
   -- toxikologisch-interne Intensivstation (Wachraum A) 5 Betten
   -- geschlossene Wachstation (Wachraum B) 12 Betten
   -- toxikologisch-interne Normalstation 6 Betten
• dem toxikologischen Labor und
• dem Giftnotruf.

Jahresbericht 2000

Giftgruppen:

  • Medikamente
  • Pflanzliche Gifte und Pilze
  • Lebensmittel und Genußmittel
  • sonstige Substanzen (Publikumsmittel)
  • Reinigungsmittel
  • Kosmetika
  • Farben; Lösemittel, Chemikalien
  • Pflanzenschutzmitte
  • Drogen
  • Düngemittel
  • Gase
  • tierische Gifte
  • Gift unbekannt

Gifttiere
Schlangenbisse, vor allem Kreuzotterbisse, haben in den letzten Jahren
zugenommen. Immer wieder werden Schlangenhalter von exotischen Giftschlangen gebissen. Häufige Anfragen haben wir auch wegen heftiger lokaler Reaktion nach Insektenstichen und nach einheimischen Spinnenbissen. Auch giftige Meerestiere (Fische, Quallen)- machen einen Teil der telefonischen Anfragen aus. Weiterhin werden in dieser Giftgruppe Informationen über Endemiegebiete der FSME-Frühsommer-Meningoencephalitis und Borreliose nach Zeckenbissen erfaßt.

Vergiftungen bei Tieren

[Wie man sehen kann, berät die Giftnotrufzentrale auch, wenn ein Tier Vergiftungssymptome zeigt]


Im Jahr 2000 hatten wir 497 Anfragen wegen Vergiftungen bei Tieren (1,7% von allen Vergiftungen). Am häufigsten betroffen waren: 335 Hunde, 100 Katzen, 19 Pferde, 19 Kaninchen, 7, Rinder, 4 Papageien, 3 Ziegen, 4 Meerschweinchen, 2 Hühner, 2 Schafe, 2 Ratten und eine Schildkröte.


Wer ruft an?
Anrufe erhielten wir von
316 Tierärzten (63,6%)
178 Laien (35,8%)
3 Apotheken (0,6%)

• Als Vergiftungsursache aus der Gruppe Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmittel kamen am häufigsten vor: Ratten- und Mäusegifte vor allem Cumarinderivate und zink- oder aluminiumphosphidhaltige Giftweizenkörner, metaldehyd- und eisen-III-phosphathaltige Schneckenkornpräparate. Ameisenköderdosen, verschiedene Insektenschutzmittel mit den Wirkstoffen aus der Alkylphosphatgruppe, gebeiztes Saatgut und verschiedene Unkrautvertilgungsmittel (Herbizide).

 

• Bei Giftpflanzen standen an erster Stelle verschiedene Zimmerpflanzen,
gefolgt von Giftpflanzen im Freien wie Eibe (Taxus baccata), Thuja (Thuja
occidentalis), Akazie (Acacia spezies) und Cotoneaster-Arten.

 

• Giftpilze wurden 8mal als Vergiftungsursache vermutet.

 

• Aus der Giftgruppe „sonstige Substanzen" waren am meisten vertreten: Batterien, ätherische Öle, Frostschutzmittel, Kohleanzünder, Feuerwerkskörper, Thermometerinhalt, Geldmünzen und Plastikgegenstände.

 

• Medikamente, die bei Tieren Vergiftungen verursacht haben:
Schilddrüsenpräparate, Antibabypillen, Schmerzmittel, Psychopharmaka,
Herz- und Kreislaufmedikamente und Antibiotika.

 

• Verschiedene Düngemittel wurden von Tieren gefressen (24 Anfragen).

 

• Aus der Gruppe Löse- und Reinigungsmittel wurden von Tieren eingenommen:
Entkalkungsmittel, Toilettenreiniger, Nitroverdünner, Benzin,
Klebstoffe und Holzschutzlasuren.

 

• Kosmetische Präparate und Genußmittel wie Zigaretten wurden von Hunden
eingenommen.

 

• In 24 Fällen waren Gifttiere (17mal Kreuzotterbiss, 1mal Skorpionstiche,
3mal Krötengift) die Ursache der Vergiftung.
1mal entwickelte ein Hund schwere Entzündungszeichen im Mund nach der
Einnahme einer Prozessionsraupe (Thaumetopoea processionea).

 

• In 11 Fällen konnte die Noxe (Gift unbekannt) nicht ermittelt werden.

© www.toxinfo.org/publikationen/Jahresbericht2000.pdf