Der Umzug von der Nurserystation nach Ithumba in die Auswilderungsstation 2007

 (Text © reaev )

Im Laufe der Jahre hatte man sich an den Anblick gewöhnt: große Lastwagen, die an der Laderampe im Elefantenwaisenhaus des David Sheldrick Wildlife Trust’s in Nairobi parkten – schon Tage vor dem eigentlichen Abfahrtstermin; und diejenigen Elefantenwaisen, die in die Einwilderungsgruppen nach Tsavo verbracht werden sollten und jetzt von ihren Keepern, mit Milchflaschen auf den Anhängern stehend, zur Zusammenarbeit überredet werden. Es liegt immer etwas Bedrückendes in der Luft, je näher die Abfahrt rückt. Da „ein Elefant nie vergisst”, wissen wir sehr wohl, dass die Tiere, die bereits während ihrer Rettungsaktionen Erfahrung mit Lastwagen gemacht haben, dieser unheimlichen Erinnerung eher widerwillig entgegentreten. Man ist angespannt, wie die Reise wohl verlaufen wird; ob sich eines der Tiere losreißen und ausbrechen wird, so wie Napasha einst. Dieses Ereignis wurde sogar im Rahmen der Aufzeichnungen zu „Tagebuch der Elefanten / Teil 1″ auf Film festgehalten. Am meisten beunruhigt jedoch der Gedanke daran, wie es den Elefanten (und den Lastwagen, die sie tragen) auf der langen, strapaziösen Reise in ihr neues Zuhause in Ithumba im nördlichen Tsavo wohl ergehen wird. Elefanten neigen zu Klaustrophobie [umgangssprachlich Platzangst], wenn sie auf engem Raum eingesperrt sind, und zusätzlich gibt es derzeit viele fürchterliche Umleitungen auf der Straße nach Mombasa. Ganz obendrein ist der Moment des Abschiednehmens auch immer sehr emotional. Nunmehr 2 Jahre, Tag und Nacht, hatten wir sie versorgt, und dabei wuchsen sie jedem Einzelnen, der sich um sie gekümmert hat, wie eigene Elefanten-„Kinder” ans Herz. Obwohl wir wissen, dass es kein Abschied für immer ist, da sie noch mindestens 8 Jahre bei uns bleiben werden, bis sie 10 Jahre, manchmal sogar noch älter, sind, so ist man sich ständig darüber bewusst, dass Tiere, egal, wo sie leben, und besonders diejenigen, die Elfenbein tragen, in der heutigen grausamen Welt bedroht sind. Dennoch kann Freiheit, vor allem für einen Elefanten, durch nichts ersetzt werden, und somit wird jeglicher Gewissensbiss mit einem Gefühl von Stolz und Zufriedenheit aufgewogen, denn den schwierigsten Abschnitt ihres langen Lebens haben sie erfolgreich gemeistert – d.h. ihre zarte, frühe Kindheit in der Nairobi Nursery, wo sie nicht nur physisch sondern auch psychisch geheilt werden mussten, und wo der Todesengel nie weit entfernt ist.

Zurura war ein winziges, sechs Wochen altes Baby, als er zu uns kam. Er wurde halbtot aus einer Rubinmine gezogen, in der er gefangen saß und von den Bergleuten nur gefunden wurde, weil er so laut schrie. Nach seiner Befreiung fanden sie tatsächlich einen Rubinstein! Kamboyo war 8-9 Monate als, als er seine Elefantenmutter und Familie verlor. Er wurde von unserem Mtito Schlingenfallen-Sammelteam gefunden; ausgezehrt, sonnenverbrannt und ganz allein, unweit der Stadt Mtito Andei. Schon bei seiner Rettung und dem Transport zum Flugplatz in Tsavo-West, von wo aus er nach Nairobi geflogen wurde, wussten wir, dass gerade er sich gegen eine neue Fahrt im Lastwagen besonders wehren würde.

Andererseits ist es an der Zeit, dass die beiden nach Ithumba gehen. Die Jungbullen sind inzwischen wenig älter als 2 Jahre. Gesund, stark und mit nur wenig Respekt vor der derzeitigen jungen Leitkuh Lenana, die jünger als die beiden ist. Die Gesellschaft von älteren Bullen ist jetzt besonders wichtig; sie brauchen jemanden, mit dem sie sich auseinandersetzen und ihre Kräfte messen können, und in Ithumba gibt es davon jede Menge! Sie brauchen die Obhut der älteren Kühe wie Yatta und ihrer Assistentinnen Mulika, Nasalot und Kinna, von denen sie ein wenig unter Kontrolle gehalten und auch bestraft werden, wenn sie jüngere Mitglieder der Gruppe tyrannisieren. Denn das wird in der Elefantengesellschaft auf keinen Fall toleriert. Es sind immer die älteren Kühe, die den Jungbullen gute Manieren und Disziplin untereinander vermitteln.

Neuankömmlinge können stets mit einem warmen Willkommen seitens der anderen rechnen, wenn sie eintreffen, so braucht man sich zumindest darüber überhaupt keine Gedanken machen. Sian, Loijuk und Kenze, die auch kürzlich erst umgesiedelt wurden, werden die Neuankömmlinge sofort erkennen, während sie im Gedächtnis der anderen wohl nur als winzige Kälbchen verblieben sein dürften. Auch wussten wir, dass die Kühe in der Nairobi Nursery, namentlich Lualeni, Makena und Chyulu, wahrscheinlich mehr als froh darüber sein werden, die beiden Wildfänge, die sie ständig „besteigen” wollten, endlich los zu sein.

Der Morgen des 7. Novembers 2007 dämmerte, und um 5 Uhr begab sich Zurura ohne Schwierigkeiten auf die Ladefläche des Lastwagens. Kamboyo jedoch, dessen 10 cm lange Stoßzähnen inzwischen schon viel Schaden anrichten könnten, musste von den Männern über die Schwelle geführt werden, von hinten mit aller verfügbaren Manneskraft geschoben und von vorn mittels Seilen am Fuß auf die Ladefläche gezogen werden. Es bestand kein Anlass zur Sorge, denn sein Benehmen zeugte vom unwahrscheinlich sanftmütigen Charakter der Elefanten. Er zeigte keinerlei Anzeichen der Aggression, und abgesehen davon, dass er sich im Boden festtrat, als er das Unvermeidbare kommen sah, gab er ruhig nach, trank seine Milch und stand friedlich neben dem „schiebendem Keeper”, als dieser im die Seilschlinge vom Fuß entfernte.

Um 5.30 Uhr begaben sich die Lastwagen auf die lange Reise. Alle winkten zum Abschied, während die ersten Sonnenstrahlen den Himmel erhellten. Jeder war erleichtert, dass bisher alles so gut verlaufen war. Robert Carr-Hartley und sein Vater Roy, die die Lastwagen begleiteten, trugen jedoch für alle Fälle eine Spritze mit „Stresnil” [einem Beruhigungsmittel] bei sich.


Die Reise war eine Höllenfahrt. Im Getriebe des einen Lkw’s ging ein Bolzen zu Bruch, der noch auf der Straße gewechselt werden musste und somit zu Verzögerungen führte. (Ein Hoch auf das handwerklich begabte Mannsvolk!) Bei Kasala, nicht weit vom Zielort entfernt, blieb das andere Fahrzeug dann stecken, weil Regenfälle die erst kürzlich begradigte Straße in ein Schlammloch verwandelt hatten. Nach neunstündiger Fahrt schließlich kamen die beiden Elefanten aus der Nursery an der Laderampe der Ithumba-Ställe an, wo sie ruhig von den Ladeflächen liefen und einen bemerkenswert entspannten Gesichtsausdruck trugen. Beide erhielten eine Flasche Milch und erkundeten danach das Gelände. Es dauerte nicht lange, dass die jüngeren der Ithumba-Waisen im Eilschritt eintrafen, und wie erwartet, erkannten Sian und Loijuk Kamboyo und Zurura sofort. Während sie ihre Nursery-Freunde begrüßten rannten die anderen zu den geöffneten Lastwagen, nur um sicher zu stellen, dass kein anderer mehr darin zu finden sei. Wenig später kam die ältere Gruppe, angeführt von Yatta, der Leitkuh, sowie Mulika, Nasalot und Kinna. Mulika entschied sofort, dass sie die beiden ganz für sich alleine haben wollte, umschlang die Neuankömmlinge mit ihrem Rüssel, strich ihnen liebevoll über den Rücken und zog behutsam ihre Köpfe in ihre Richtung. Wie immer war es eine sehr rührselige Szene und warme Begrüßung für Kamboyo und Zurura, die alles ganz entspannt hinnahmen. Nachdem alle anderen, die offenbar geahnt hatten, was passiert, den neuen Stall ausgiebig inspiziert hatten, verbrachten Zurura und Kamboyo ihre erste Nacht im neuen Zuhause – jedoch nicht ohne Sian und Loijuk, die ihnen Gesellschaft leisteten. Überraschenderweise schienen sie alles über den elektrischen „heißen Draht”, der die Nachtlager umzäunte, zu wissen, denn sie waren sehr vorsichtig sich ihm auch nur zu nähern, geschweige denn ihn zu berühren. Offenbar wurden sie von den anderen durch Elefanten-Telepathie bereits davor gewarnt!

Die Ankunft von Kamboyo und Zurura in Ithumba hebt die Anzahl der auszuwildernden Elefanten hier auf 27; in der Nursery sind noch immer 8 Zöglinge. Lenana, Makena und Chyulu werden als nächstes nach Ithumba verbracht, aller Voraussicht nach im Mai 2008, nach der nächsten Regenzeit. Lesanju wird dann für die anderen vier Babies, Sinya, Shimba, Lempaute und Baby Dida, verantwortlich sein.

Text und Bilder © reaev